Rund ums Geld » Traditionelles Geld

Geld ist heute bei uns ein ungeheuer komplexer Begriff, er hängt zusammen mit "gelten", aber auch mit "abgelten", Buße tun. Kaum jemand kann genau sagen, was Geld eigentlich ist, welche Funktionen es hat: Tauschmittel, Medium zum Aufbewahren von Kapital, Wertgegenstand, Wertmaßstab, Prestigeobjekt ...

In den meisten Kulturen Afrikas oder Ozeaniens, die sich unabhängig von der europäischen entwickelt haben, gibt es so etwas ähnliches wie Geld, Objekte, deren Gültigkeit sich jedoch oft nur auf Teilbereiche bezieht. Der Gebrauch von bestimmten Geldformen konnte sich z. B. beschränken auf rituelle Zahlungen, Bußen, Abgaben, Opfergaben, Strafzahlungen; andere Objekte dienten als Brautpreis oder, wie Prunkwaffen, zur Demonstration von Reichtum. Der Reichtum konnte natürlich durch Tausch auf andere Personen, in manchen Völkern auch auf andere Gemeinschaften, wie Dörfer, übergehen.
In einigen Kulturen gab es früher hochkomplizierte Systeme von sozialen Verpflichtungen, z. B. Abhängigkeitsverhältnisse von Familien untereinander, hervorgerufen durch gegenseitiges Ausleihen von Geld, das nur für ganz spezielle rituelle Zahlungen Verwendung fand, für diese aber zwingend benötigt wurde.
Diese Andersartigkeit des Geldbegriffes sowie das Vorhandensein unterschiedlicher, in ihrer Funktion nicht immer austauschbarer Geldformen sind für uns heute vermutlich ebenso schwer zu begreifen, wie für einen vorkolonialen Afrikaner oder Südsee-Insulaner die allgegenwärtige Macht eines Papierzettels, den wir Banknote nennen. Aber auch bei uns gibt es einige Verpflichtungen, die wir nicht mit einer Banknote begleichen können. So gibt man als eine Art "moralische Gegengabe" für eine Einladung eine Flasche Wein oder einen Blumenstrauß. Auch das ist - streng genommen - eine traditionelle Zahlung, ein "traditionelles Zahlungsmittel". Wenn unser Gastgeber keinen Wein mag, dient ihm die Flasche vielleicht wieder als Gastgeschenk, sie wird (fast) eine Art Geld …

Heute sind die traditionellen Geldformen fast überall auf der Welt durch Münz- und Papiergeld ersetzt. In manchen Gebieten werden jedoch noch immer die traditionellen Zahlungen, besonders die des Brautpreises, der Buße und Strafe sowie der Trauerzahlungen bei Begräbnissen, mit Muschelgeld oder anderen überlieferten Zahlungsmitteln geleistet.

Die meisten Geldformen haben sich aus Rohstoffen oder Objekten entwickelt, die für möglichst viele als wertvoll anerkannt wurden, z. B. aus

Naturalien (haltbare Lebensmittel, Genussmittel),
Schmuck (Glasperlen, Federn, Schnecken- und Muschelschalen),
rituellen Objekten (Trommeln),
Waffen (Lanzen, Kanonen),
wichtigen Gebrauchsgütern (Äxten, Angelhaken, Wolldecken),
begehrten, wertvollen Materialien (Metalle, Elfenbein, Bernstein, Seide)
oder aus
wichtigen Außenhandelsartikeln (Fellen, Vieh).

In vielen Fällen hat dieses Geld seine ursprüngliche Form und Funktion mehr oder weniger beibehalten: Mit der Axt kann man auch Bäume fällen, die Glasperlenkette dient noch als Schmuck. Oft veränderten diese Objekte jedoch im Laufe der Zeit ihr Aussehen und büßten ihre Funktionalität ein; sie dienten dann ausschließlich als Geld.


Man spricht von Kümmerformen (Miniaturäxte aus Mexiko, winzige Kupferspaten aus China, hauchdünne Speerspitzen aus Afrika) oder von Wucherformen (Steingeld der Südseeinsel Yap oder Ligandas, unbrauchbare Riesenlanzen aus Afrika). Andere Geldformen, wie das Federgeld aus Santa Cruz (Salomonen, Südsee), fallen völlig aus dem Rahmen, ihr Ursprung kann heute nicht mehr erklärt werden.

Die Herstellung von Geld war oft mit Ritualen oder Tabus belegt. Geldfälscher kommen in den "vormünzlichen Kulturen" relativ selten vor.

Bäuerliche Subsistenzwirtschaften, die kaum Überschuss abzugeben hatten, wurden manchmal erst von den Kolonialverwaltungen durch Einführung einer Kopfsteuer zur Mehrproduktion und Geldwirtschaft gezwungen.

Interessanterweise gibt es auch Völker, die überhaupt kein eigenes Geld entwickelten. Die Polynesier z.B. schätzten den Handel nicht, sie kannten kein Geld. Sie übertrugen Eigentum oft ohne unmittelbare Gegengabe innerhalb eines Systems der Verpflichtungen auf Gegenseitigkeit. Aber auch so hochentwickelte Staatsgefüge wie das der Inka in Südamerika kamen ohne Geld - und auch ohne Schrift - aus. Für uns ist das heute völlig unverständlich.

Die beiden geographischen Großräume mit der größten Vielfalt traditioneller Zahlungsmittel sind zweifellos der westliche Teil Ozeaniens  (Mikronesien und Melanesien mit Neu Guinea) und Afrika.

Die Sammler und Erforscher traditioneller Zahlungsmittel haben sich zusammengeschlossen zur EUCOPRIMO, der Europäischen Vereinigung zum Sammeln, Bewahren und Erforschen von ursprünglichen Geldformen (http://www.eucoprimo.com/).

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Auf der mikronesischen Südsee-Insel Yap dienten bis 4 m große Steinscheiben als Zahlungsmittel. Hier der Leiter des Geldgeschichtlichen Museums der Kreissparkasse Köln, Thomas Lautz, neben einem "kleineren" Exemplar.
Yap, Mikronesien.
Eine Steingeld-"Bank", am Weg aufgestellte, fä genannte Steinscheiben.
Yap, Mikronesien.
Viele der Steingeld-Stücke gehören nicht einzelnen Personen, sondern der Dorfgemeinschaft oder dem Männerhaus.
Yap, Mikronesien.
Noch wertvoller als Steingeld: Das gau, eine mehr als 2 m lange Kette aus roten Muschelscheiben der Spondylus-Auster. Verziert mit Zähnen des Pottwals und Imitationen aus Knochen.
Mit einer solchen Kette konnte man sich von der Blutrache freikaufen.
Kleingeld auf Yap: yar nu ao, eine Kette mit anhängenden Perlauster-Schalen.
Noch heute gelegentlich zum Bezahlen von Feldfrüchten verwendet.
Palau, Mikronesien.
Esbangel Esebei, High Chief von Meyuns, Ngerkebsang, bei der Herstellung eines toluk genannten Schildpattschälchens, das ausschließlich Geldfunktion besitzt (Foto: 1995).
In Palau wird die Tradition der traditionellen Zahlungsmittel, insbesondere von bestimmten Glasperlen, wieder hoch geachtet.
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