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Opferstock und Klingelbeutel
Kirchliche Sammelgefäße aus 500 Jahren.

Text zu einer Ausstellung in der Kassenhalle der Kreissparkasse Köln, April 2000 (der illustrierte Text kann angefordert werden).

Schon vor der Erfindung des Geldes im 7. vorchristlichen Jahrhundert, in der Zeit des Tauschhandels und der sogenannten vormünzlichen Zahlungsmittel, spendete man an Weihestätten und Tempeln wohl vorwiegend wertvolle Metalle in besondere Opferdosen. Den frühesten schriftlichen Beleg finden wir im Alten Testament im Buch der Könige (12., 7-12): König Joas ließ neben dem Altar des Tempels in Jerusalem durch den Priester Jojoda eine Kiste mit Einwurfloch für Opfergaben aufstellen. Sie sollten der Renovierung des maroden Tempels dienen, der, nach der zeitweiligen Zuwendung der Juden zum Baalskult, starke Verfallserscheinungen aufwies. Solche Opferkästen sind aber keine jüdische Erfindung, sondern haben wahrscheinlich Vorläufer in Ägypten und gehörten, wie Ausgrabungen bezeugen, zum festen und gebräuchlichen Inventar der Tempel im gesamten östlichen Mittelmeerraum.

Tatsächlich gibt es fast keine Erfindungen der Menschheit, die sich in ihrer Grundform so wenig verändert haben wie die Spar- und Sammeldosen, und doch im Laufe der Zeit eine so große Variationsbreite erfuhren. So beschreibt im 2. Jh. v. Chr. der Schriftsteller Heron sogar einen (Tempel-) Spendenkasten, der sich bei Münzeinwurf mit dem Ausströmen eines parfümierten Weihwassers bedankt!

Das Christentum, neu und doch in der unmittelbaren Nachfolge der mosaischen Religion, übernahm neben einigen Bräuchen und Riten der jüdischen Tempelkultur auch Gewohnheiten des Kollektenwesens. Die nur noch symbolische Opferung von Brot und Wein trat an die Stelle von Tieropfern und veränderte so die auch bei anderen damaligen Kulten des Altertums geltenden Voraussetzungen und Vorgänge. Das Wort Jesu, das Scherflein der Witwe sei mehr Wert als die Gabe des Reichen aus seinem Überfluss (Lukas 21, 1-3), machte die Spende von Arm und Reich, in gleicher Weise fast verpflichtend, wenngleich die der Reichen sicher willkommener war. Das Spendenaufkommen wurde ja nicht nur zum Unterhalt der Priester und Gotteshäuser verwendet, sondern auch von Armen, Siechen und Kranken dringend benötigt. Bis zum 19. Jh. lag die Versorgung der sozial Schwachen vorwiegend in kirchlicher Hand, wenn man von der örtlich begrenzten Hilfe der Zünfte und verwandter Institutionen absieht. Auch die uns heute manchmal als Verschwendung dünkende Verwendung der Mittel, z.B. durch aufwändige Sakralbauten, Kreuzzüge oder unnützen Pomp, ist sicherlich aus dem Zeitgeist, damals wie heute, zu verstehen.

In dieser Ausstellung werden ausschließlich sakrale Sammelgefäße aus den letzten 500 Jahren gezeigt. Grob kann man unterscheiden zwischen stationären, unbeweglichen, und mobilen, nicht an einen festen Standort gebundenen Kollektenbehältern. Prototyp des Ersteren ist uns als Opferstock schlechthin (Synonyme: Gotteskasten, Kirchenkasten, Kirchenstock) geläufig. Er wurde in den ersten Anfängen aus einem ausgehöhlten Baumstamm (Truncus cavernosus) gefertigt. Wie viele Gebrauchsgegenstände erfuhr er mannigfache Ausgestaltung in Holz, Eisen oder Stein bis hin zur künstlerischen Bearbeitung durch begabte Laien oder anerkannte Maler und Skulpteure. Das gilt besonders für weniger voluminöse, kleinere Objekte, die nicht standen, sondern auf Podesten oder unmittelbar an der Wand oder an Säulen befestigt waren.
Die Ausführung in Form mehr oder weniger schwerer Truhen kann man auch als Gotteskasten in engerem Sinne bezeichnen. Sie dienten sowohl zur unmittelbaren Aufnahme von Spenden als auch als Behältnis zur Deponierung von Geld. Die bei den Truhen und großen Opferstöcken nicht selten zu beobachtende schwere Mehrfachverriegelung sollte zweifellos Diebstahl vorbeugen; wichtiger aber war die Verwahrung der Schlüssel zu den Schlössern in verschiedenen Händen: Niemand konnte sie alleine leeren und dadurch in Versuchung geraten.

Einige "Zwitter", nicht zum Herumtragen bestimmt und doch nicht fixiert, seien der Aufmerksamkeit empfohlen: Sie wurden wohl nur zu besonderen Zeiten und unter Aufsicht in den Kirchen, Klöstern und Pfarrhäusern aufgestellt und sind vielfach schön verziert.
Die mobilen Kollektengefäße weisen eine noch reichere Vielfalt auf. Sie werden zu den Gläubigen (und Ungläubigen) hingetragen oder ihnen mit Hilfe von Henkeln, Griffen oder Stöcken gereicht. Man kann sich ihnen viel schwerer entziehen als den stationären Opferstöcken - und entsprechend findet man bei der Entleerung gelegentlich auch Hosenknöpfe, Unterlegscheiben und Büroklammern.

Aus sogenannten einfachen Sammelbrettern entwickelten sich kleine Mulden oder Kästchen mit Handgriff; zwischen Griff und Geldeinwurf findet sich nicht selten eine schildförmige "Trennwand". Diese bot Raum für künstlerische Ausgestaltung, bei den hier gezeigten Beispielen für Gemälde oder Schnitzereien von Heiligen, mit Vorliebe von Fegefeuerszenen, die wohl besonders spendenanregend wirken sollten. Größere Sammelkästen reichen von der Demonstration kitschiger Gipsaltärchen bis hin zu künstlerisch wertvollen Arbeiten.

Recht simpel dagegen muten frühere und spätere Eisen- oder Eisenblechbüchsen an; sie sind meist mit einem einfachen Handgriff versehen oder mit Tülle oder Sporn zum Anbringen eines Stockes, ähnlich wie bei Klingelbeuteln. Kästchen aus Holz boten natürlich mehr Möglichkeiten zur planerischen Gestaltung.

Im 17. Jahrhundert wurden die eisernen Büchsen immer häufiger durch Beutel ersetzt. Diese waren aus Leder oder Stoff gefertigt, an mehr oder weniger langen Stangen befestigt und meist mit einem Glöckchen versehen. Der "Klingelbeutel" bestimmte mehrere Jahrhunderte lang die Kollekte in den Gottesdiensten. In den letzten Generationen ist er jedoch immer mehr aus der Mode gekommen, möglicherweise weil die Säckchen rasch verschlissen oder unansehnlich wurden. Häufig entfernte man das Glöckchen, weil das Gebimmel Priester, Prediger oder Gläubige störte. Die einfachen Beutel, mit oder ohne Glöckchen, wurden später durch metallene Fassungen des Beutelrandes stabilisiert. Daraus entwickelten sich Mechanismen, die mit Klappen, Fallen und Schlössern den unerwünschten Zugriff von Kollektierten (und Kollektanden) verhindern sollten. Über die Zweckmäßigkeit hinaus erfuhren die Fassungen gelegentlich eine künstlerische Gestaltung, nicht selten unter Verwendung von Silber und Gold. So wurden sie selbst zur Beute von Langfingern, fast mehr als ihr potentieller Inhalt. Eine Variante ist der Beutel mit zwei kurzen Stangen zum Weiterreichen.

Klingelbeutel ohne Beutel sind an sich ein Paradox. Doch ist man versucht, auch Kollektengefäße so zu bezeichnen, bei denen der Stoffsack durch eine Messingschale ersetzt wurde. Auf das Glöckchen konnte man verzichten, weil das Rappeln der Münzen selbst (Predigt-) Schläfer aufweckte. Verschiedene Varianten dieses Typs legen eine Verwandtschaft zu den oben erwähnten Eisendosen mit Stab nahe.

Auch verschiedene Missionsgesellschaften stellen eigene Kollektengefäße auf. Eine umfassende Ausstellung dieses Sondergebietes wurde 1989 in der Ausstellungsreihe "Das Fenster" in der Kreissparkasse Köln gezeigt. Missions-Sammelkästen reichen von den frühen Arbeiten in Blech über die damals äußerst beliebten "Nickneger" und "Nickengel" bis zu den Dosen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften aus anderen Ländern. Die Darstellung von Farbigen, die bei Geldeinwurf nicken, ist inzwischen verpönt; sie wurden aus dem Verkehr gezogen.
Engel aber dürfen weiter nicken, bis in alle Ewigkeit!

Dr. Heinrich Loosen
Ehrenpräsident der EMBC(European Money Bank Collectors).
Köln, im April 2000
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